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Fünf Jahre Blood and Souls

Vor ziemlich genau sechs Jahren begann ich mit der Arbeit an The Eye and the Hand, der Stahlkugel, die Blood and Souls ins Rollen brachte. Heute sind seit der Veröffentlichung fünf Jahre vergangen und ich frage mich, woher diese zehn Songs kamen. Was war das für ein Mensch, der über den Ritt auf dem Drachen schrieb und von Untoten, von Blut und Kreativität, über Herrschaft und Verlust, Schmerz und Einsamkeit?

Michael Moorcocks Corum-Saga und Six Feet Unders Feasting on the Blood of the Insane waren zwei wesentliche Inspirationen für den Blood and Souls-Grundstein. Bis heute verzweifele ich allerdings über die Frage, warum ich solche Songs nicht mehr schreiben kann. Natürlich wusste ich die Antwort immer. Es hat nur am Rande mit meinem Anspruch zu tun, mich als Künstler nicht zu wiederholen. Immer wenn die letzten Töne von Where Dragons Fly verklingen, murmele ich mit großer Selbstzufriedenheit: „Dem habe ich nichts hinzuzufügen.“

Hinzugefügt habe ich dennoch wenige Monate später die Single The Trial, die allerdings eher den Abschied vom vorangegangenen Stil markierte als etwas, was ich auf Blood and Souls vergessen hätte. Die Songs auf Blood and Souls erfüllen mich bis heute mit Glück und ich trauere manchmal, dass ich solche Musik nicht mehr schreiben kann. Ist der Grund die Verkopftheit?

Sicher habe ich mich seitdem mehr mit Musiktheorie befasst und war bemüht um komplexere Harmonien, als Blood and Souls sie hätte vertragen können. Und diese Kopfarbeit überschattet wirklich hin und wieder die Freude am Musizieren. Die Lösung ist jedoch nicht, das Denken einzustellen, denn der Umkehrschluss gilt nicht. Würde ich nicht nach mehr streben, träte ich auf der Stelle und auch das erfüllte mich nicht. Und Verkopftheit könnte man auch Blood and Souls vorwerfen, vergleicht man das Album mit der Musik, die ich fünf Jahre davor schrieb. Nein, musiktheoretisch habe ich immer weiter getüftelt und probiert. Auch das ist nicht der Grund.

Das Rätsel ist einfach gelöst: Ich bin heute ein anderer Mensch. Wer damals mit so großer Leidenschaft über Schmerz, Verlust und Schöpfung schrieb, der hatte gerade viel verloren, kämpfte mit garstigen Dämonen und ging aus diesem Kampf gestärkt hervor. Die Schlacht ist vorbei und neue Abenteuer warten. Der Verlust des damaligen Ichs und seiner Lieder schmerzt, aber eines freut mich: Ich bin vorangekommen. Schwergefallen ist mir die Erkenntnis, dass die Kämpfe nicht einfacher, sondern härter werden. Eine Hälfte von mir sucht die größere Herausforderung, weil sie sich sonst zu Tode langweilt. Die andere Hälfte verflucht die erste dafür. Es wäre so einfach: Mich mit dem Erfolg von Blood and Souls zudecken und noch ein halbes Dutzend solcher Alben erzeugen. Aber das kann ich nicht.

Und das kann ich nicht ändern. Ich mache nicht Kunst, weil ich Applaus suche oder auf einer Bühne stehen möchte. Sondern: Ich habe keine andere Wahl.

Notenlesen: Blattspiel ist ein Mythos

Einmal las ich, es gebe zwei Arten von Notenlesern. Sie beide kämen auf ihre Weise zum gleichen Ergebnis: Sie setzen Striche und Punkte vom Papier in Musik um. Ich halte das für Unfug. Wer ein fremdes Stück zum ersten Mal vom Blatt spielt, mag Tonfolgen erzeugen, macht jedoch keine Musik. Das ist wichtig für jeden, der das Blattspiel anstrebt. Unterscheiden wir zunächst die beiden Arten:

Die einen spielen die Noten fließend vom Blatt. Sie können im Rahmen ihrer Fähigkeiten praktisch jedes Stück Musik spielen, solange sie die Musik auf dem Papier vor sich sehen. Nimmt man ihnen das Papier weg, können sie nichts spielen.

Die anderen erarbeiten sich die Noten Takt für Takt. Sie können nicht flüssig vom Blatt spielen und lernen daher die Musik auswendig. Sie benötigen länger, bis sie das Stück überhaupt spielen können. Nimmt man ihnen das Papier weg, können sie das Stück auswendig spielen.

An der Oberfläche hat beides Vor- und Nachteile. Die einen sind schneller, die anderen haben länger etwas davon. Wir sehen – nein, wir hören allerdings gleich: Der Blattspieler macht gar keine Musik.

Lauscht man dem Ergebnis, und genau darum geht es bei Musik, wird man einen Unterschied hören so groß wie zwischen Tag und Nacht. Das Umsetzen der Informationen auf dem Blatt in Tonfolgen ist keine Musik. Noten sind keine Musik, sondern nur Informationen. Man könnte sagen: Die Musik steht zwischen den Noten. Man kann aber auch eine Entsprechung heranziehen: Buchstaben.

Buchstabenreihen wie das Wort oder der Satz sind keine Bedeutung. Erst der Leser gibt den Buchstaben Bedeutung und dabei muss er den Zusammenhang aller Buchstaben zueinander berücksichtigen. Das gilt schon, weil die gleiche Buchstabenfolge unterschiedliche Bedeutung haben kann: Die Bank zum Draufsetzen und jene zum Geldabheben. Der Zusammenhang ergibt sich meist im Satz oder davor. Manchmal jedoch auch erst danach. Und manchmal erst am Ende des Textes. Wer Text flüssig liest, kann die Bedeutung deswegen frühestens am Ende des Textes erfassen. Und die Bedeutung, das gilt auch für Musiker, ist wichtig für die Betonung und den Ausdruck des Textes: Wie man ein Wort ausspricht und betont, beeinflusst den Klang und die Bedeutung.

Das gilt auf mehreren Ebenen: Für die Bedeutung einzelner Worte und Sätze, aber auch für deren Bedeutung im Zusammenhang der Geschichte. Ein Prinzip der Dramaturgie kennen wir als Tschechows Pistole: „Wenn im ersten Akt eine Pistole an der Wand hängt, dann muss sie im letzten Akt abgefeuert werden. Andernfalls darf sie dort nicht hängen.“ Mit anderen Worten: Alles muss von Bedeutung sein für das Gesamtwerk. Aber die Bedeutung mag sich erst am Ende erschließen.

Kehren wir zurück zur Musik: Man muss also das Stück vollständig kennen, bevor man die Noten in Musik verwandeln kann. Dann erst kann man jede einzelne Note angemessen mit Farbe, Charakter und Bedeutung füllen. Selbst wer sein Instrument als auch seine Interpretationsfähigkeit so gut beherrscht, dass es das während des Notenlesens tun kann, kann also niemals ein Stück gleich beim ersten Lesen in Musik verwandeln. Blattspiel ist also ein Mythos. Sonst könnte eine Maschine die Orchesteraufführung übernehmen.

Wer sein Gehirn mit dem Lesen von Noten beschäftigt, dem bleibt weniger Kapazität für das Bedienen seines Instrumentes. Lernt man das Stück auswendig, verinnerlicht es – und dagegen kann man sich ohnehin nicht wehren, wenn man es übt, genauso wie man die Dialoge in einem oft gesehenen Film mitsprechen kann, ohne sie gezielt auswendig zu lernen –, dann kann man seine volle Aufmerksamkeit dem Musikmachen widmen: Dem Füllen der Räume zwischen den Tönen, der Betonung, der Zauberei.

Das macht die Fähigkeit, Noten so flüssig vom Blatt zu lesen wie einen Text in der Muttersprache nicht weniger nützlich. Notenlesen erleichtert die Verständigung mit anderen Musikern und beschleunigt das Erlernen fremder Stücke. Notenlesen können ist besser als Noten nicht lesen können. Doch es gleicht nicht dem Musikmachen. Notenschrift kann viele Feinheiten der Musik gar nicht abbilden.

Trotzdem verkaufen viele Musiklehrer ihren Schülern das Blattspiel als Zeichen echten Musikertums. Indes lehren nur wenige das musikalische Spiel.

Ich selbst habe mich erst spät in meiner Musikerlaufbahn ernsthaft ums Notenlesen gekümmert. Wozu auch: Ich wollte nie anderer Komponisten Material nachspielen und spielte stets nach Gehör. Wenn ich nach Noten spielte, gehörte ich zur zweiten Art: Ich erarbeitete mir das Stück Takt für Takt und lernte es dabei von selbst auswendig. Kompositionen nahm ich einfach auf.

Heute strebe ich nach mehr: Ich möchte das Erreichen, was man wohl Blattspiel nennen würde. Auch ich dachte, das sei möglich. Hätte ich vorher nachgedacht und wäre auf diese Gedanken gekommen, wäre mir die Verwirrung vielleicht erspart geblieben.

Die Musik endet sofort, wenn ich versuche, ein Stück, das ich auswendig spielen kann, nach Noten zu spielen. Das mag an der Gewohnheit liegen und als Notenleser bin ich ja trotz aller Arbeit weniger erfahren im Verhältnis zu meiner gesamten Musikerkarriere als Gehörspieler. Doch ich habe auch noch keinen Profimusiker kennengelernt, der die Noten auf der Bühne wirklich liest. Allesamt nutzen sie die gedruckten Noten höchstens als Orientierungspunkte.

Oft ist bei erfahrenen Konzertmusikern der bestückte Notenständer, da bin ich sicher, eine Misstrauenserklärung an die eigene Fähigkeit; zugleich eine beruhigende Krücke, damit das Gehirn frei bleiben und sich fallenlassen kann in das, was zählt: Musikmachen.

Live clip von Heinrich in Theetuin d’Aole Pastorie

Zum Nachmittagstee ein Lied über eine Schokoladenfabrik – das passt. Vor kurzem hatte ich ein paar Auftritte in den Niederlanden. Hier ist ein kurzer Clip, in dem ich den Song Heinrich (… owns a chocolate factory) live im Teegarten/Teehaus Theetuin d’Aole Pastorie in Zwartemeer, NL, spiele.

Heidelbeerenlied

Das offizielle Heidelbeerenlied ist da. Wer etwas auf sich hält, kennt den Text auswendig:

Das Lied gibt es überall im Internet zu kaufen. Zum Beispiel bei iTunes.

Die Illustration zauberte Andrea Christen in Aquarell aufs Blatt. Andrea sang auch im Hintergrund.

Alles über die Heidelbeeren erfahrt ihr hier: felixolschewski.com/heidelbaeren

Das Heidelbeerenlied

Hei – Hei – Heidelbeer’n
Ja die mögen wir sehr gern
Jetzt ist es endlich so weit:
Heidelbeeren weit und breit
‚S gibt sie nur ein Mal im Jahr
Wir naschen reichlich, ist doch klar

Jetzt kommen wir um sie zu pflücken
Werden sie sogleich verdrücken
Aus der Sonne in den Mund
Denn sie sind ja so gesund
Uns geht’s gut, denn wir verzehren
die geliebten Heidelbeeren

Hei – Hei – Heidelbeer’n
Jetzt sind sie wieder so fern
Ein Jahr bis sie wiederkehr’n

Hei – Hei – Heidelbeer’n
Warten fällt uns gar nicht schwer
Wenn wir mit Bedacht genießen
Sinnlich werden Schätze sprießen
Niemand kann sie uns verwehren
Träume von den Heidelbeeren

Heidelbeeren wunderbar
Bald sind sie schon wieder da
Werden tausend Beer’n verspeisen
Feiern, tanzen und sie preisen
‚S gibt nichts schöneres im Leben
Als Heidelbeergenuss zu pflegen

The Muse

As befits the lyrics, writing this music really had me busy for months. This song apparently had to mature for three years. I am glad that it is finally done. It also marks the next step in my singing: Never before have I felt comfortable using my voice in this way in a rock/metal context.

During this past year I have lost my ear for music twice for long periods of time. Now I am back again and as always I will try to hang on to it forever and never lose it again. I have a feeling that I might finally succeed.

Together with my good friend and metal artist Andrea Christen I released this song as a collaborative piece with her artwork The Trophy: