Notenlesen: Blattspiel ist ein Mythos

Einmal las ich, es gebe zwei Arten von Notenlesern. Sie beide kämen auf ihre Weise zum gleichen Ergebnis: Sie setzen Striche und Punkte vom Papier in Musik um. Ich halte das für Unfug. Wer ein fremdes Stück zum ersten Mal vom Blatt spielt, mag Tonfolgen erzeugen, macht jedoch keine Musik. Das ist wichtig für jeden, der das Blattspiel anstrebt. Unterscheiden wir zunächst die beiden Arten:

Die einen spielen die Noten fließend vom Blatt. Sie können im Rahmen ihrer Fähigkeiten praktisch jedes Stück Musik spielen, solange sie die Musik auf dem Papier vor sich sehen. Nimmt man ihnen das Papier weg, können sie nichts spielen.

Die anderen erarbeiten sich die Noten Takt für Takt. Sie können nicht flüssig vom Blatt spielen und lernen daher die Musik auswendig. Sie benötigen länger, bis sie das Stück überhaupt spielen können. Nimmt man ihnen das Papier weg, können sie das Stück auswendig spielen.

An der Oberfläche hat beides Vor- und Nachteile. Die einen sind schneller, die anderen haben länger etwas davon. Wir sehen – nein, wir hören allerdings gleich: Der Blattspieler macht gar keine Musik.

Lauscht man dem Ergebnis, und genau darum geht es bei Musik, wird man einen Unterschied hören so groß wie zwischen Tag und Nacht. Das Umsetzen der Informationen auf dem Blatt in Tonfolgen ist keine Musik. Noten sind keine Musik, sondern nur Informationen. Man könnte sagen: Die Musik steht zwischen den Noten. Man kann aber auch eine Entsprechung heranziehen: Buchstaben.

Buchstabenreihen wie das Wort oder der Satz sind keine Bedeutung. Erst der Leser gibt den Buchstaben Bedeutung und dabei muss er den Zusammenhang aller Buchstaben zueinander berücksichtigen. Das gilt schon, weil die gleiche Buchstabenfolge unterschiedliche Bedeutung haben kann: Die Bank zum Draufsetzen und jene zum Geldabheben. Der Zusammenhang ergibt sich meist im Satz oder davor. Manchmal jedoch auch erst danach. Und manchmal erst am Ende des Textes. Wer Text flüssig liest, kann die Bedeutung deswegen frühestens am Ende des Textes erfassen. Und die Bedeutung, das gilt auch für Musiker, ist wichtig für die Betonung und den Ausdruck des Textes: Wie man ein Wort ausspricht und betont, beeinflusst den Klang und die Bedeutung.

Das gilt auf mehreren Ebenen: Für die Bedeutung einzelner Worte und Sätze, aber auch für deren Bedeutung im Zusammenhang der Geschichte. Ein Prinzip der Dramaturgie kennen wir als Tschechows Pistole: „Wenn im ersten Akt eine Pistole an der Wand hängt, dann muss sie im letzten Akt abgefeuert werden. Andernfalls darf sie dort nicht hängen.“ Mit anderen Worten: Alles muss von Bedeutung sein für das Gesamtwerk. Aber die Bedeutung mag sich erst am Ende erschließen.

Kehren wir zurück zur Musik: Man muss also das Stück vollständig kennen, bevor man die Noten in Musik verwandeln kann. Dann erst kann man jede einzelne Note angemessen mit Farbe, Charakter und Bedeutung füllen. Selbst wer sein Instrument als auch seine Interpretationsfähigkeit so gut beherrscht, dass es das während des Notenlesens tun kann, kann also niemals ein Stück gleich beim ersten Lesen in Musik verwandeln. Blattspiel ist also ein Mythos. Sonst könnte eine Maschine die Orchesteraufführung übernehmen.

Wer sein Gehirn mit dem Lesen von Noten beschäftigt, dem bleibt weniger Kapazität für das Bedienen seines Instrumentes. Lernt man das Stück auswendig, verinnerlicht es – und dagegen kann man sich ohnehin nicht wehren, wenn man es übt, genauso wie man die Dialoge in einem oft gesehenen Film mitsprechen kann, ohne sie gezielt auswendig zu lernen –, dann kann man seine volle Aufmerksamkeit dem Musikmachen widmen: Dem Füllen der Räume zwischen den Tönen, der Betonung, der Zauberei.

Das macht die Fähigkeit, Noten so flüssig vom Blatt zu lesen wie einen Text in der Muttersprache nicht weniger nützlich. Notenlesen erleichtert die Verständigung mit anderen Musikern und beschleunigt das Erlernen fremder Stücke. Notenlesen können ist besser als Noten nicht lesen können. Doch es gleicht nicht dem Musikmachen. Notenschrift kann viele Feinheiten der Musik gar nicht abbilden.

Trotzdem verkaufen viele Musiklehrer ihren Schülern das Blattspiel als Zeichen echten Musikertums. Indes lehren nur wenige das musikalische Spiel.

Ich selbst habe mich erst spät in meiner Musikerlaufbahn ernsthaft ums Notenlesen gekümmert. Wozu auch: Ich wollte nie anderer Komponisten Material nachspielen und spielte stets nach Gehör. Wenn ich nach Noten spielte, gehörte ich zur zweiten Art: Ich erarbeitete mir das Stück Takt für Takt und lernte es dabei von selbst auswendig. Kompositionen nahm ich einfach auf.

Heute strebe ich nach mehr: Ich möchte das Erreichen, was man wohl Blattspiel nennen würde. Auch ich dachte, das sei möglich. Hätte ich vorher nachgedacht und wäre auf diese Gedanken gekommen, wäre mir die Verwirrung vielleicht erspart geblieben.

Die Musik endet sofort, wenn ich versuche, ein Stück, das ich auswendig spielen kann, nach Noten zu spielen. Das mag an der Gewohnheit liegen und als Notenleser bin ich ja trotz aller Arbeit weniger erfahren im Verhältnis zu meiner gesamten Musikerkarriere als Gehörspieler. Doch ich habe auch noch keinen Profimusiker kennengelernt, der die Noten auf der Bühne wirklich liest. Allesamt nutzen sie die gedruckten Noten höchstens als Orientierungspunkte.

Oft ist bei erfahrenen Konzertmusikern der bestückte Notenständer, da bin ich sicher, eine Misstrauenserklärung an die eigene Fähigkeit; zugleich eine beruhigende Krücke, damit das Gehirn frei bleiben und sich fallenlassen kann in das, was zählt: Musikmachen.

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